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Großer Brand von Nordhalben im Jahr 1856

Großer Brand 1856 - Augenzeugenbericht

Augenzeugenbericht des 1917 verstorbenen kgl. Gerichtsvollziehers Andreas Stengel


Am Mittwoch, dem 19. März 1856, also am Sankt Josefstag, früh gegen 2 Uhr, wo bei einem hellen Mondschein der Markt Nordhalben überschattet war, wurde jeder Einwohner, mit ruhigem Gemüte im schönsten Schlaf liegend, durch den Ruf „Feuer“, Läuten der Glocken, Wirbeln der Trommeln, in seiner Ruhe gestört.

Das Feuer brach in dem Wohnhaus –135- des Georg Wunder (Arnsfritz) aus, dessen Entstehungsursache aber unbekannt ist, griff bei dem so stark wüten-den Nord-Ost-Wind, welcher schon eine ganze Woche vorher so arg hauste, daß die meistens aus Holz gebauten und mit Schindeln bedachten Gebäude ganz austrockneten, so schnell um sich, daß an eine Rettung nicht zu denken war, und nach Verlauf von zwei Stunden 158 ½ Wohnhäuser und 167 ¾ Nebengebäude und Scheunen, welche mit 135 43o Florin (Anm.: Gulden) der Brandversicherungsanstalt einverleibt waren, ein Raub des verheerenden Elementes wurden. Der Mobiliarschaden wurde von Abgebrannten auf 124 o1o Florin geschätzt, während nur wenige versichert waren und 24 o8o Florin Entschädigung erhielten.

Das schöne, so manchem Trostlosen und Bedrängten Trost und Hilfe spendende Gotteshaus zu Sankt Bartholomae, dessen innere Einrichtung, insbesondere der Hochaltar, erst neu restauriert worden war, befand sich auch unter den abgebrannten Gebäuden. Es blieb nichts stehen als die nackten Mauern. Der Knopf am Turm wurde zuerst vom Feuer ergriffen und brannte abwärts bis auf die Mauern ab, so daß in einer Stunde dieser schöne Tempel total verzehrt war.

Gerettet wurde nichts als die Monstranz mit dem Allerheiligsten, dem Ciborium, den Kelchen und einigen Paramenten. Alles Übrige mußte der Wut der Flammen anheimgegeben werden. Die vier Glocken am Turm, das schönste Geläut in der Umgegend, welche erst kurz vorher so hell und rein ihren Toten-Akkord anstimmten, schmolzen zusammen und fielen in Stücken herunter, wo sie in einem Schutthaufen begraben lagen.

Das Landgerichtsgebäude brannte vollständig aus. Die dort befindlichen Akten und Papiere etc. sind bis auf wenige gerettet worden.
 
Die Kapelle zur Unbefleckten Empfängnis Mariens (Anm.: Mariä Heimsuchung) am äußersten Ende des Marktes nächst dem Wohnhaus des Georg Wunder, wo das Feuer entstanden war, in der so mancher Hilfesuchende sein Herz der seligsten Jungfrau Maria ausschütten konnte und gewiß nicht ohne Hilfe und Linderung zurückkehrte, wurde, nachdem der Wind eine andere Richtung genommen hatte, am Dachfirst vom Feuer ergriffen, welches sich im Nu auf dem Dach verbreitete, so daß die Kapelle ein Raub der Flammen wurde. Gerettet wurde der Tabernakel nebst einigen Kirchenparamenten.

Die auf dem Turm befindliche Uhr, trotz des Feuers noch keine Gefahr befürchtend, ging in ihrem Lauf ungestört fort und wollte eben den schwer heimgesuchten Einwohnern Nordhalbens die vierte Stunde verkünden, allein beim dritten Schlag wurde dieselbe vom Feuer ergriffen, in ihrem Lauf gehemmt und mit dem einstürzenden Gebälk heruntergerissen.

Das Jammern der Menschen, welche mit ihrer geringen Habe auf dem Feld standen, größtenteils nur notdürftig in dieser Kälte bekleidet, das Suchen der Eltern nach ihren Kindern und der Kinder nach ihren Eltern, das Herumspringen und Brüllen des Viehs ist nicht zu beschreiben. Schaudervoll und herzzerreißend war diese Szene. Halb verzweifelt sah man Menschen umherlaufen, die Ruinen ihrer vor zwei Stunden noch bewohnten Gebäude anstarrend.

Doch Gott, der Wunden schlägt, ist vermögend, solche auch wieder zu heilen. Schon des anderen Tages wurden Viktualien aller Art hergeliefert und verteilt. Die Abgebrannten wurden von den benachbarten Dörfern und Höfen und von denen, die verschont geblieben waren, aufgenommen.

Wie nun der größte Schrecken vorüber war, und der Mensch seine Gedanken wieder sammeln konnte, wurden vier Menschen vermißt, welche ein Raub des schrecklichen Elementes wurden, nämlich:

1. Die Magd des Georg Wunder, wo das Feuer entstand, namens Margareta Redwitz, Tochter des Maurergesellen Andreas Redwitz, Hs.-Nr. 167, welche im Boden oberhalb der Stube schlief, und als das Feuer entstand, wahrscheinlich nicht mehr herunter konnte und so in Rauch und Flammen ihr Leben aufgeben mußte. Ihre Gebeine fand man auf der Brandstätte. Sie wurden nach katholischem Brauch beerdigt.

2. Das Kind des Zimmergesellen Georg Deuerling (Hopf), Hs.-Nr. 134, welcher der Nachbar des Georg Wunder, wo das Feuer ausgekommen, war, und welches in der Stube blieb, wahrscheinlich um sich vor dem Feuer sichern zu wollen. Seine Angehörigen, mit der Rettung ihrer Habe beschäftigt, waren der Meinung, es sei schon fort, und so blieb es dann in dem Haus, wo es seinen Tod in den Flammen fand. Seine Gebeine wurden aus dem Schutt herausgenommen und gleichfalls beerdigt.

3. Die Krämers- und Bäckerswitwe Margarete Schwend, Hs.-Nr. 32, welche bei dem Ruf „Feuer“ in eine Ohnmacht fiel. Als der in ihrem Haus zu Miete wohnende Bäckermeister Martin Lunk dies wahrnahm, schickte er zum kgl. Gerichtsarzt Dr. Beer, allein derselbe konnte wegen des Herannahens des Feuers, welches schon die Fenster der Schwend’schen Wohnstube einsprengte, nicht mehr hinein. So blieb sie dann liegen und verbrannte ebenfalls mit. Von ihrem Körper fand man nicht mehr, als einige gliedlange Gebeine, welche beerdigt wurden.

4. Der Bäckermeister Matthäus Haderlein, Hs.-Nr. 47, mit welchem es nachstehende Bewandtnis hatte: Derselbe, mit Rettung seiner Mobilien beschäftigt, verspätete sich fortzugehen, und da er in einer engen Gasse wohnte, und das Feuer schon die seinem Haus gegenüberstehenden Gebäude erfaßt hatte, so konnte er nicht mehr hinaus kommen und blieb so den Flammen preisgegeben. Des anderen Tages suchten seine Frau und Kinder nach ihm und fanden auf der Hausbrandstätte Gebeine, welche seitens des kgl. Gerichtsarztes Dr. Beer für Menschenbeine erkannt wurden und sodann auch beerdigt wurden.

Erst nach Verlauf von circa einem Vierteljahr, als dessen hinterlassenen Relikten mit dem Wiederaufbau des Hauses begonnen hatten, ging der älteste Sohn Georg Haderlein in den im Hofraum befindlichen, dem Einsturz bereits drohenden Keller, um einige Mauersteine zum Bau des Wohnhauses herauszunehmen. Da gerade die Sonne ihre Strahlen durch eine Öffnung in den Keller warf, so gewahrte er etwas am Boden liegen, er berührte dasselbe und fand, daß es ein menschlicher Körper sei.
 
Derselbe machte sogleich davon Anzeige, und es verfügte sich eine Kommission in den kritischen Keller, wo dann der Leichnam herausgenommen und als der des Haderlein erkannt wurde. Er lag auf dem Gesicht und hatte sich wahrscheinlich, um vom Feuer geschützt zu sein, da er keinen anderen Zufluchtsort fand, in den Keller begeben, wo ihn dann der hineinschlagende Rauch zwang, sich auf das Gesicht zu legen, und er von Qualm und Rauch erstickte.

Die wahrscheinlich von einem Viehstück herrührenden Gebeine wurden aus dem Friedhof herausgenommen und dafür der schon in Verwesung übergegangene Leichnam des Haderlein beerdigt.
 
Der durch den Brand aufgehobene Gottesdienst wurde am 23. März 1856, am Heiligen Osterfest, in der Kapelle des Müllermeisters Lorenz Murrmann von der Thomasmühle, „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“, am Mühlberg wieder begonnen, und vom Hochwürdigen Herrn Pfarrer Stadter eine Stille Messe gehalten, wo alle Pfarrkinder hinströmten und so unter Gottes freiem Himmel einmal wieder Gott ihr Herz ausschütten konnten. Hierauf wurde das Lied „Sei gelobt und hochgepriesen, Heiligste Dreifaltigkeit“ angestimmt, wo kein Auge tränenleer blieb.

Rührend war dieser Anblick. In Massen standen die Menschen vor der Kapelle, ihren Blick empor gerichtet zu den Ruinen ihrer Wohnungen, wo noch vor kurzem der altehrwürdige Turm der Marienkapelle stolz hernieder schaute, und den man von diesem Tal zuerst erblickt hatte. Aber jetzt war alles der Erde gleich. Doch durch das Gebet gestärkt kehrten die Menschen einigermaßen erleichtert wieder in ihre Wohnungen zurück.

Hierauf wurde ein Hilfs-Komitee in der Person des kgl. Landrichters Martin, des kgl. Pfarrers Stadter, des kgl. Revierförsters Petzold, des Bürgermeisters Zimmermann, des Posthalters Müller, des kgl. Aufschlägers Wunder und des Zimmerermeisters Schuberth gebildet und die hierfür von mildtätigen Händen gespendeten Naturalien und Kleider etc. verteilt.

Es wurde nun zum Wiederaufbau der Marienkapelle geschritten, um doch wieder ordentlich den Gottesdienst beginnen zu können, welcher während des ganzen Sommers in der abgebrannten, bis auf den Chor, welcher gewölbt und mit einem Notdach versehen war, oben offenen Kirche gehalten wurde. Deshalb schritt man zur Verakkordierung (Anm.: Errichtung) der auf 1 3oo Florin veranschlagten Marienkapelle.

Dieselbe wurde am 29. August 1856 aufgerichtet und da sie mit 1 2oo Florin der Brandversicherungsanstalt einverleibt war, und die Hand- und Spanndienste von der Gemeinde geleistet wurden, so wurde dieselbe auch vollendet. Von den Bürgern Forchheims wurde ein Altar hergeschenkt, welcher am 24. Dezember 1856 aufgestellt und am 25. Dezember 1856, am Heiligen Weihnachtsfeiertag, zum ersten Mal Gottesdienst darauf gehalten wurde.

Die aus dem Schutt herausgegrabene Glockenspeise im Gesamtgewicht von 7 Ztr. 17 Pfd. wurde laut Vertrag vom o7. April 1857 von dem Glockengießer Ulrich zu Apolda um 48 Florin 7 ½ Kreuzer je Ztr., somit um den Gesamtbetrag von 345 Florin 37 Kreuzer übernommen und von demselben zwei Glocken zu 9 Ztr. Gewicht je Ztr. um 87 Florin 3o Kreuzer mit den Tönen A und C zu liefern versprochen.
 
Ulrich lieferte nebst diesen zwei Glocken infolge vorheriger Bestellung auch noch eine weitere kleine Glocke. Diese drei Glocken wurden am 28. Oktober 1857 auf dem Turm, über dem ein Notdach errichtet wurde, aufgehängt und sofort behufs Probierung ihrer Tüchtigkeit stundenlang geläutet. O wie sich da jeder Nordhalbener Bewohner freute, nach so langer Zeit wieder ein schönes Geläut zu hören, ist unbeschreiblich.

Am 15. November 1857 abends wurden diese Glocken von dem Hochwürdigen Pfarrer Stadter eingeweiht, von demselben sodann auf dem offenen Kirchhof eine zweckentsprechende Rede gehalten, worin er das Unglück, das die Bewohner Nordhalbens getroffen, berührte, aber auch Gott, der so viele Spenden durch gutherzige Menschen denselben zuteil werden ließ, dankte und zu festem Gottvertrauen aufmunterte.

Hierauf wurde unter Geläute der Glocken das schöne Lob- und Danklied „Te Deum laudamus“ angestimmt und dasselbe mit feierlichen Stimmen von den bereits sämtlich anwesenden Bewohnern, unter welchen man manches tränenvolle Antlitz sah, abgesungen. Diese Szene war aber auch rührend und ergreifend und sie mahnte an die Zeit, wo man in Ermangelung von Tempeln auf freiem Feld Gottesdienst halten mußte.

Die abgebrannte Kirche, welche bloß mit 4 4oo Florin gegen Brandschaden versichert war, wurde im Jahre 1858 in Angriff genommen, und beschlossen, die Arbeiten auf Regie auszuführen, was auch geschah.

Am 16. Juni 1858 wurde deshalb der Grundstein zu derselben gelegt, und hierauf die üblichen drei Hammerschläge von dem Landrichter Herrn Martin, Herrn Pfarrer Stadter, Stiftungspfleger Wachter und einigen Magistratsmitgliedern im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit getan. Sodann wurde vom Hochwürdigen Herrn Pfarrer Stadter eine Beschreibung des Brandunglücks verlesen und diese Beschreibung später in den obersten Sockelstein an der  südwestlichen Ecke der Kirche, welcher mit der Jahreszahl 1858 versehen ist, gelegt und aufbewahrt.

Zu dieser Kirche wurde, nach einer vorliegenden Beschreibung hierüber, im Jahre 17o7 und zwar am o4. Mai der Grundstein unter Anwesenheit des ehrwürdigen Stadtpfarrers und Definitors Stölzlein zu Kronach und des jeweiligen Pfarrers Engelhardt von hier gelegt. Dieselbe stand bis zum Jahre 1856.

Am 29. September 1858 bis o1. Oktober wurde ein Teil und am 1o. Oktober der andere Teil der Kirche aufgerichtet.

Der Kirchturm wurde vom 14. bis 16. Juli 1859 aufgerichtet, und vom bauenden Zimmerermeister Schuberth eine Rede gehalten, die mit Absingen des Liedes „Großer Gott, wir loben dich“ und zweimaligem Schießen abgeschlossen wurde.

Zum vollständigen Ausbau der Kirche wurde Allerhöchst eine Kollekte bewilligt, welche eine Summe von ... (Anm.: Angabe fehlt)  Auch wurde aus diesen Kollektengeldern eine große Glocke im Jahre 1859 von dem Glockengießer Ulrich angeschafft, welche eintausend Gulden kostete.

Die Orgel wurde von dem Orgelbauer Wiedemann in Bamberg gefertigt; derselbe hat sich durch diese schöne Orgel berühmt gemacht.

Die Altäre und Kanzel wurden von Münchner Bildhauern verfertigt und sind gelungen ausgefallen. Namentlich sind die in den beiden Seitenaltären befindlichen Altarblätter, das eine den Heiligen Schutzengel und das andere die glorreiche Mutter Gottes Maria darstellend, ein Meisterstück.

Am 16. November 1859 wurde die Kirche unter Anwesenheit mehrerer Geistlicher von dem Hochwürdigen Pfarrer und Dechant Herberich zu Teuschnitz benediciert. Diese Feier wurde durch Halten einer geistvollen Rede und eines Hochamtes mit „Te Deum laudamus“ beendet und verschönert.

Der Markt Nordhalben wurde in den Jahren 1856 und 1857 bis auf einige wenige Häuser wieder aufgebaut, da die Abgebrannten mit den so reichlich sowohl vom In- und Ausland geflossenen Kollektengeldern unterstützt wurden, welche eine Summe von 64 898 Florin nach hohem Regierungsausschreiben vom 29. November 1857 (Amtsblatt S. 1 582) betrugen.

Möge der Herr diesen edlen Gebern vergelten, was sie Gutes an den armen Abgebrannten getan haben.

Donnerstag, 21. März 2019

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