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Großer Brand von Nordhalben im Jahr 1856

Großer Brand 1856 - Richtspruch Marienkapelle

29. August 1856: Spruch bei der Aufrichtung der am 19. März 1856 niedergebrannten Marienkapelle zu Nordhalben
(Anm.: wahrscheinlich von Bürgermeister Zimmermann)

„Ihr werdet mir erlauben, daß ich, nachdem nun die Aufrichtung dieses altehrwürdigen Gotteshauses geschehen ist, einige Worte sprechen darf. Ihr wißt, daß am 19. März dieses Jahres in der frühesten Morgenstunde Feuer auskam, welches uns alle aus dem Schlummer schreckte und uns gar bald seine volle Rache fühlen ließ.

 

Die Glocken dieses altehrwürdigen Gotteshauses waren es, welche uns zuerst, nachdem die Uhr dieses Turmes nach Mitternacht durch zwei Hammerschläge für immer Abschied von ihrer Wohnung nahm, durch ihre dumpfen Töne das große Unglück ankündigten. Es waren ihre eigenen Leichenakkorde, welche sie zum baldigen Hinabsinken in das Grab der wütenden Glut angestimmt hatten.

Und wirklich lagen in einer kurzen Zeit von nur 1 ½ Stunden nicht nur unsere heimischen Wohnungen mit all ihren Habseligkeiten als ein Aschenhaufen vor unseren Augen, sondern auch unsere ehrwürdige Pfarrkirche und diese ehrwürdige Marienkapelle, wohin so viele Gläubige und tief gebeugte Seelen in den Stunden des Kummers und der Trostlosigkeit ihre Zuflucht nahmen und getröstet und mutvoll von dannen zogen.

O, diese ehrwürdige Kapelle hat viele und herbe Stürme der Zeit erlebt. Sie sah blutige Kriege, hörte das Jammergeschrei vieler Hungerjahre, war Zeuge von dem Wechsel der Fürsten und des christlichen Glaubens. Sie mußte in jüngster Zeit sich ihres gottesdienstlichen Gebrauches enthalten und einem Magazin Platz machen und sollte endlich aufhören in ihrem bisherigen, von grauer Vorzeit herstammenden Zweck.

Und jetzt erkannte sich, nach der frommen Weise unserer Vorfahren, der kindlich fromme Sinn unserer Gemeinde, hingerissen von der Verehrung zur Gottes Mutter, und brachte dieses ehrwürdige Gotteshaus als Eigentum an sich und richtete es durch eigene und der lieben Nachbargemeinden Beiträge zum gottesdienstlichen Gebrauch wieder ein und rettete es für viele, welche hier in den bitteren Stunden des Lebens Trost und Erquickung durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau Maria suchten und erhielten, vor dem alles zernagenden Zahn der Zeit.

Und seht, liebe Mitbewohner Nordhalbens! Was die Hand wilder Krieger verschonte und als Heiligtum achtete, das war in wenigen Augenblicken ein Raub der Flammen. Außer dem göttlichen Heiland, welcher im heiligsten Sakrament zur Anbetung gegenwärtig war, und dem gnadenreichen Bild der seligsten Jungfrau Maria wurde alles von den Flammen aufgezehrt.

Wie schmerzlich war es, zu sehen und zu hören, als ihr nach dem Verlust all eurer Habseligkeiten vor den Ruinen unserer beiden Gotteshäuser geweint und wehmütig ausgerufen habt: „Ach, daß doch unsere schöne Pfarrkirche, daß wenigstens unsere Marienkapelle verschont geblieben wäre!“

Doch liebe Mitbürger und ihr alle, in deren Herzen noch der heilige Glaube blüht und die Liebe zu Gott erglüht und die Verehrung der seligsten Jungfrau Maria lebt, verzagt nicht! Der Herr wird, so wie er den Ruin seines Hauses zuließ, dasselbe wieder erbauen zu seinem Lobe und zur Verherrlichung seiner göttlichen Mutter. Im Namen des dreieinigen Gottes ist es heute vor euren Augen aufgerichtet worden.

Gott sei daher vorerst unser herzlicher Dank dargebracht. Nur noch eine kurze Zeit und bald wird sein Lob in diesem Gotteshaus wieder erschallen. Wenn auch dessen Schmuck noch fehlt, seine Wände noch die Merkmale des schrecklichen Brandes tragen, die Decke des Kirchengewölbes noch offensteht und die Betstühle fehlen und keine Orgel unseren Gesang begleitet, so glaubt fest, daß der Herr für die Zierde seines Hauses Sorge tragen wird.

Nicht nur unsere christlichen Nachbarn werden, wie in früheren Zeiten, ihre freigebigen Hände öffnen und ein Opfer der Barmherzigkeit darbringen, sondern der Herr des Hauses wird selbst für seine Ehre und für die Verherrlichung Mariens eifern und andere edle Wohltäter erwecken, welche zur Ausführung dieses Baues Opfersteine beitragen werden. Deswegen, liebe Mitbürger, kann und darf ich es nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit unseren Wohltätern unseren öffentlichen Dank auszusprechen. Der Herr wolle durch die Fürbitte unserer Mutter, zu deren Verehrung der Tempel wieder aufgerichtet worden ist, ihnen reichlich vergelten, was sie uns zur Zeit der Not erwiesen haben. Darum stimmt mit mir aus freudigem und dankbarem Herzen an: „Unsere Wohltäter, sie leben hoch!“

Dabei darf ich auch diejenigen nicht vergessen, welche keine Mühe scheuten, für die Ausführung des Baues und die Einrichtung dieses Gotteshauses zu sorgen. Ihnen sei ein donnerndes Hoch dargebracht. Endlich sei auch unserer lieben Gemeinde, welche mit angestammter Liebe an diesem Marientempel hängt, ein „Lebe hoch“ dargebracht.“

Donnerstag, 22. August 2019

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